Paris – Vorderwald: Vier Wochen lang ausprobieren,
was die Weltpolitik in Paris beschlossen hat

14 Vorderwälder Haushalte mit 64 Personen haben im Mai 2019 vier Wochen lang probiert, den in Paris von der Staatengemeinschaft beschlossenen Klimazielen möglichst nah zu kommen. Der ORF hat das Projekt begleitet und die Ergebnisse dokumentiert:

Beim Klimatag des ORF 2 am 12. November 2019:

 

Gesamtprojekt in der Sendung ECO, ORF 2, „Klimaneutral leben“ vom 27. Juni 2019:

 

In Vorarlberg heute:
„Vorstellung Paris Vorderwald“ vom 31. Dezember 2018 in Vorarlberg heute HIER
„Klima Experiment“ vom 2. April 2019 in Vorarlberg heute HIER
„Zwischenbilanz“ vom 21. Mai 2019 in Vorarlberg heute HIER
„Bilanz Klima Experiment“ vom 25. Juni 2019 in Vorarlberg heute HIER
„Abschluss Paris – Vorderwald“ am 13. November 2019 in Vorarlberg Heute HIER

In Radio Vorarlberg:
Radio Vorarlberg Kulturmagazin, Umwelt aktuell, vom 3. Juni 2019 HIER
Radio Vorarlberg Kulturmagazin, Umwelt aktuell, vom 16. Dezember 2019, Abschluss mit Niko Paech, Teil 1, HIER
Radio Vorarlberg Kulturmagazin, Umwelt aktuell, vom 13. Jänner 2020, Abschluss mit Niko Paech Teil 2, HIER

Der Hintergrund
2015 hat die Staatengemeinschaft in Paris beschlossen, die Erderwärmung auf unter 2 °C zu halten. Das bedeutet, dass die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf null reduziert werden müssen.
Gelingt es uns, im ländlichen Raum bis 2050 klimaneutral zu leben? Wie weit können die Haushalte ihre Emissionen bereits jetzt reduzieren? Was liegt außerhalb ihres Einflussbereichs? Was muss sich also politisch ändern, damit es gelingt, die gesetzten Ziele zu erreichen?
Die Haushalte hatten ein kleines Sachbudget zur Verfügung, mit dem sie Maßnahmen zur Zielerreichung finanzieren konnten. Das ging vom Leuchtmitteltausch oder Haustechnik- bzw. Stromsparcheck über das Testen von Elektroautos oder –fahrrädern bis zum Kochworkshop oder zur Gemüsekiste bzw. zum regionalen Fleischpaket.
Impressionen von der Startveranstaltung bis zum vierwöchigen Klimaexperiment:

Erfahrungen im Projekt „Paris – Vorderwald“: Was funktioniert, was nicht?
Die Analyse der Treibhausgasemissionen im Klimaexperiment brachte zutage: die TeilnehmerInnen reduzierten ihre Emissionen vor allem in den Bereichen Konsum, Mobilität und Ernährung. Im Bereich Wohnen ließen sich in den vier Wochen außer beim Stromverbrauch kaum Änderungen bewirken. Gebäudequalitäten und Heizungen sind langfristiger  zu betrachten, erste Beratungen zu Sanierung, effizienten Geräten und Nutzung der Sonnenenergie wurden in den 4 Wochen durchgeführt.

Die folgenden Grafiken verdeutlichen die Ergebnisse: die Haushalte starteten schon mit weniger als der Hälfte des österreichischen Durchschnitts in das Experiment. Diesen sehr guten Wert konnten sie im vierwöchigen Praxistest nochmals um rund 20 % reduzieren.

 

 

 

Fazit: Wir können jetzt schon nah an das Pariser Klimaziel kommen; aber wir müssen die Dinge anders machen. Nachdenken und Einfallsreichtum sind gefragt, dann lassen sich oft klimafreundliche Lösungen finden, die Freude machen und alltagstauglich sind. Gerade in der Mobilität stoßen die Haushalte aber an Grenzen. 

Und nicht zuletzt kamen sich durch das Projekt die Menschen der 14 Haushalte näher: vom Säugling bis zum Pensionisten waren alle beim Kochworkshop dabei. Klassische Rollenverteilungen wurden über Bord geworfen, Männer kochten, Frauen bauten Leuchten auseinander und testeten Elektroautos.

Ein guter Tag hat 100 Punkte – App erleichtert den Haushaltsüberblick
Damit die 14 Haushalte mit 64 Personen leicht erkennen, wie nah sie dem Klimaziel mit welcher Maßnahme kommen, wurde eine App basierend auf der Methode „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ entwickelt. Dabei sind die Treibhausgasemissionen auf Punkte und Tageswerte umgerechnet. Das Ziel ist der 100 Punkte Tag. Derzeit liegt der Durchschnitt in Österreich bei 450 Punkten/Tag. Die TeilnehmerInnen aus dem Vorderwald liegen mit einem Durchschnitt von 168 Punkten schon jetzt weit darunter. Weitere Infos unter www.eingutertag.org. Die Betaversion der App gibt es kostenlos im Appstore oder Playstore.

Grenzen der individuellen Handlungsmöglichkeiten: Forderungen an die Politik
Wo die TeilnehmerInnen an die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten kamen, formulierten sie Forderungen an die Politik: geänderte Rahmenbedingungen sollen es dem Einzelnen ermöglichen, ein Leben zu führen, das mit den Pariser Klimazielen vereinbar ist. Diese Forderungen wurden mit politischen VertreterInnen bei der Abschlussveranstaltung am 12. November 2019 im ORF Landesstudio in Dornbirn diskutiert.  Impressionen aus der Schlussveranstaltung (alle Bilder Nina Bröll):


Die Erfahrungen und Maßnahmen in den einzelnen Bereichen

 Konsum:
Unser Konsum – also das, was wir kaufen und besitzen bzw. wie wir unsere Freizeit und unseren Urlaub gestalten – verursacht neben dem Bereich Wohnen die meisten Treibhausgasemissionen. Die teilnehmenden Haushalte verbesserten ihre Bilanz z.B. durch bewusste Freizeitgestaltung, durch bewusste Gestaltung ihrer Mobilität (kleiner Fuhrpark), durch längere Nutzungsdauer bei elektronischen Geräten, durch Einkauf in Dorfläden, Secondhandläden und Verpackungsfrei-Läden sowie direkt beim Erzeuger. Auch Maßnahmen zur CO2 Bindung wurden getroffen: so setzte ein Haushalt 100 Tannen, die in Zukunft tagtäglich CO2 speichern werden. Der Kauf von Humuszertifikaten soll ebenfalls die CO2 Bindung langfristig sichern.

 Mobilität:
Einige Haushalte probierten in den vier Wochen erfolgreich aus, (fast) ohne eigenes Auto auszukommen. Alternativ wurden (Carsharing-)Elektroautos verwendet, wenn die Wege nicht mit (Elektro-)Fahrrad oder Bus organisiert werden können. Die Erfahrung zeigt: vor allem Kurzstrecken können leicht mit dem Elektrofahrrad anstelle mit dem Auto zurückgelegt werden. Mehrere Haushalte testeten das mit Leihfahrrädern – auch mit Lastenanhängern – und mindestens vier Haushalte haben dauerhaft kurze Wege auf das Fahrrad mit elektrischer Unterstützung verlegt. Allerdings ist es hier dringend nötig, dass die Fahrradinfrastruktur besser ausgebaut wird. Die meisten Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen haben noch keinen Radweg. In Haushalten mit Kindern war die einhellige Meinung: „Ohne eigenes Auto ist das nicht zu machen“. Zu häufig gibt es hier spontane Planänderungen, von Kinderbringdiensten bis zu Notfällen. „Das ist mit Carsharing und ÖPNV im ländlichen Raum nicht ausreichend“. Allerdings testeten einige Haushalte Elektroautos als echte Alternative zum fossilen PKW. Gute Chancen wurden dem Carsharingauto für den Ersatz eines Zweitautos eingeräumt, wenn das Auto in fuß-/fahrradläufiger Entfernung steht.  In Haushalten ohne Kinder war dagegen das eigene Auto leichter durch alternative Mobilitätsformen zu ersetzen. Generell konnten PKW Kilometer eingespart werden durch bewusste Planung und – wo möglich – Homeoffice.  Auch die Urlaubsplanung wurde umgestellt: weniger Flugkilometer brachten einige TeilnehmerInnen näher an ihr Ziel.
So manchen Teilnehmer bzw. Teilnehmerin hat in Erstaunen versetzt, dass sich auch das Pendeln mit dem Bus über längere Strecken in der Klimabilanz niederschlägt. Zwar ist der Bus deutlich klimafreundlicher als das Auto, dennoch würde ein umweltfreundlicherer Antrieb der Busflotte die Bilanzen bei Vielfahrern deutlich verbessern.

Ernährung:
Die Höhe der Treibhausgasemissionen können wir durch die Art des Einkaufs (woher stammen die Lebensmittel, wie stark wurden sie verarbeitet, wie wurden sie produziert, wie wurden sie transportiert), die Zusammensetzung des Speiseplans und unser Kochverhalten beeinflussen. Grundsätzlich gilt: eine klimafreundliche Ernährung ist auch eine gesunde Ernährung. Regional, saisonal und nach Möglichkeit aus biologischer Produktion sowie maßvolle Verwendung tierischer Produkte sind einfache Eckdaten für die klimafreundliche Ernährung. So probierten die Haushalte Gemüsekisten aus regionaler Produktion sowie ein wöchentliches Fleisch-/Wurstsortiment aus regionaler Herkunft. Im Rahmen eines Kochworkshops, an dem alle Haushalte teilnahmen, wurden Fakten zu klimafreundlicher und gesunder Ernährung vermittelt und gleich in die Tat umgesetzt. Im Rahmen des Projekts entstanden Gemüsegärten bzw. wurden diese erweitert. Der Einkauf ohne Verpackung war genauso Thema wie: „Wo bekomme ich regional produzierte Lebensmittel her?“. Desöfteren standen Haushalte hier im Konflikt: kaufe ich im Dorf umweltfreundlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad ein und bekomme aber nicht die von mir gewünschten Produkte oder steige ich für meine Wunschlebensmittel ins Auto.

Strom, Wärme, Gebäude:
Auch hier setzten die Haushalte mit verschiedenen Maßnahmen an: es fanden Energieberatungen zu Gebäudesanierung bzw. Einsparung von Strom durch effiziente Geräte und Leuchtmittel statt ebenso wie zu Produktion von Strom aus Sonnenenergie. Hohe Stromverbraucher wurden mit Strommessgeräten im Haushalt identifiziert. Zum Teil wurden dann Geräte ersatzlos entfernt – z.B. der Gefrierschrank, der eigentlich kaum genutzt wird, da eh regelmäßig frisch eingekauft wird – oder es wurde nach energieeffizienteren Lösungen gesucht. Nach Beratungen zur Nutzung von Sonnenstrom während des Klimaexperiments ist mittlerweile schon eine Photovoltaikanlage realisiert und liefert Strom aus erneuerbarer Energie.

Das Projekt „Paris – Vorderwald“ ist ein Leitprojekt (2018/19) der Klima- und Energiemodellregionen Österreichs, unterstützt von den acht Gemeinden der Energieregion Vorderwald, vom Klima- und Energiefonds und vom Land Vorarlberg. Projektpartner ist Kairos aus Bregenz. Begleitet wird das Projekt von der Energieautonomie Vorarlberg, der Illwerke VKW Gruppe und vom Energieinstitut Vorarlberg.